Starke Kontraste im Studio Rose

"Seelenschiff" von Karl Witti

Am zweiten und dritten Juniwochenende zeigten die am Ammersee lebende Wiltrud Mühlberger und Karl Witti aus Eresing unter dem Titel „Aufzeichnungen“ gemeinsam neue Arbeiten im Schondorfer Studio Rose.

Es war eine Ausstellung der starken Kontraste, aber auch der Gemeinsamkeiten. Beide Künstler schaffen Bilder, die „hinter zarter Oberflächengestaltung zumeist beunruhigende Visionen eröffnen„, wie Andreas Frey im Landsberger Tagblatt schrieb.

Eine Welt am Abgrund

Wiltrud Mühlberger, Ammersee

Die photoscheue Wiltrud Mühlberger machte für uns eine Ausnahme

Wiltrud Mühlberger kannte man bislang vor allem für ihre märchenhaft zarten Gemälde in Aquarell und Kreide Mischtechnik. Bilder, die wirkten, als wäre man an einem Sommertag gerade aus einem schönen Traum erwacht.

Bei der Ausstellung im Studio Rose präsentierte sich die Künstlerin von einer ganz anderen Seite. „Ich kann keine ’schönen‘ Bilder malen, weil die Welt heute nicht so ist„, sagte sie während der Ausstellung. Ihre aktuellen Arbeiten zeigen eine Welt am Abgrund. Auf den Bildern sieht man Menschen hinter Stacheldraht, eine Figur die sich hilflos unter einem Granatenhagel zusammenkauert, oder einen Strom von Flüchtlingen, die über eine gleißende Ebene in die Dunkelheit ziehen.

Bilder von Wiltrud MühlbergerDie Farben sind düster, der Strich fast fiebrig aufgeregt, und manche Motive scheinen über den Bildrand hinauszudrängen, was den Eindruck von Verzweiflung und höchster Not noch verstärkt.

Keine Bilder für das Wohnzimmer

Mühlberger macht sich über den Publikumserfolg dieser verstörenden Arbeiten keine Illusionen: „Das sind Bilder, die sich die Leute wahrscheinlich nicht ins Wohnzimmer hängen.“ Es sind Visionen einer Menscheit, die dabei ist, sich selbst von der Erde zu tilgen.

Nach der Apokalypse

Karl Witti vor seinem Bild "Brüderchen und Schwesterchen"

Karl Witti vor seinem Bild „Brüderchen und Schwesterchen“

Bei Karl Witti hat diese Apokalypse bereits stattgefunden, sie scheint sogar recht lange zurückzuliegen. Dabei hat in seinen Bildern das Verschwinden der Menschheit der Welt nicht geschadet – eher im Gegenteil. Die Erde ist nun bevölkert von mythischen Wesen, Tieren und Märchenfiguren. Ein riesiger Schmetterlingsschwarm zieht durch verfallene Lagerhallen, „bei Dachau“ wie Witti – sicher nicht ohne Hintersinn – im Bildtitel anmerkt.

Ein anderes Bild zeigt Brüderchen und Schwesterchen, aus dem gleichnamigen Grimmschen Märchen. Das Mädchen und sein in ein Reh verwandelter Bruder stehen bei Witti nicht mehr zwischen den Bäumen eines Waldes, sondern zwischen den Betonsäulen einer verschneiten Bauruine.

Die Wiederverzauberung der Welt

Auf dem großformatigsten Werk der Ausstellung wird die keltische Sagengestalt Aoife auf ihrem Weg von zahmen Raubtieren begleitet. Sie bringe gute Nachrichten, verspricht der Titel des Bildes. Die Königstochter wandert aber nicht durch eine mittelalterliche Landschaft, sondern über eine von Pflanzen überwucherte Bahnstrecke.

Am unteren Bildrand steht ein Hinweis, der fast programmatisch für das Werk von Karl Witti ist: Gesellschaft zur Wiederverzauberung der Welt.